Inhalt
Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage, wie Kinder Sprache erwerben und wie sich Sprechen, Sprachverständnis, Wortschatz und Grammatik in den ersten Lebensjahren entwickeln. Clara und William Stern verbinden dabei ausführliche Beobachtungen von Kindern mit psychologischen und sprachwissenschaftlichen Erklärungsansätzen.
Eine wichtige Grundlage bilden die langfristigen Aufzeichnungen, die das Ehepaar Stern über die Entwicklung der eigenen Kinder führte. Besonders ausführlich werden die Sprachgeschichten einer Tochter und eines Sohnes dargestellt. Festgehalten werden unter anderem erste Lautäußerungen und Wörter, Veränderungen des Wortschatzes, die Bildung der ersten Sätze sowie spätere Fortschritte in Grammatik und sprachlichem Ausdruck.
Diese Beobachtungen beschränken sich nicht auf eine Sammlung kindlicher Äußerungen. Die Autoren versuchen vielmehr, aus dem dokumentierten Material allgemeine Entwicklungsprozesse abzuleiten. Dadurch verbindet das Buch konkrete Fallbeobachtung mit einer Theorie der kindlichen Sprachentwicklung.
Vom Lallen zum Satz
Die Darstellung verfolgt den Spracherwerb von seinen Vorstufen an. Behandelt werden zunächst das Lallen, das Reagieren auf Stimmen, frühe Nachahmungsversuche und die Anfänge des Sprachverständnisses. Anschließend richtet sich der Blick auf die ersten Wörter und auf das sogenannte Stadium des Einwortsatzes. Einzelne Wörter können in dieser Phase nach Auffassung der Autoren bereits die Funktion vollständiger Mitteilungen übernehmen.
Weitere Kapitel untersuchen die Entstehung mehrgliedriger Sätze, die Entwicklung von Haupt- und Nebensätzen, Fragesätze und die Wortstellung. Auch die Entwicklung verschiedener Wortarten sowie die zunehmende Differenzierung des Wortschatzes werden ausführlich behandelt.
Ein eigener Themenbereich gilt Erscheinungen, die für die Kindersprache charakteristisch sind: Wortverstümmelungen, Lautnachahmungen, Lallwörter, selbst gebildete Wörter, Ableitungen, Zusammensetzungen und sogenannte Kindesetymologien. Die Autoren zeigen damit, dass Kinder Sprache nicht lediglich passiv übernehmen. Sie verarbeiten das sprachliche Material ihrer Umgebung und bilden auf dieser Grundlage eigene sprachliche Formen.
Psychologische Deutung des Spracherwerbs
Für Clara und William Stern ist Sprachentwicklung eng mit der allgemeinen geistigen Entwicklung des Kindes verbunden. Sprechen entsteht ihrer Darstellung zufolge aus dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Dazu gehören Nachahmung und sprachliche Anregung durch die Umgebung ebenso wie die Eigenaktivität des Kindes.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Übergang von situationsgebundenen Äußerungen zu einem zunehmend bewussten Gebrauch sprachlicher Zeichen. Die Entwicklung von Begriffen, Fragen und komplexeren Satzformen wird deshalb nicht nur sprachlich, sondern auch psychologisch interpretiert. Sprache erscheint als Mittel, mit dem das Kind seine Umwelt zunehmend differenziert erfasst und mit anderen Menschen in Beziehung tritt.
Die Tagebuchmethode
Methodisch steht Die Kindersprache in der Tradition entwicklungspsychologischer Tagebuchstudien. Sprachliche Äußerungen und Entwicklungsschritte wurden über längere Zeiträume möglichst genau protokolliert. Auf diese Weise entstand ein umfangreiches Material über die Sprachentwicklung im Alltag.
Clara Stern war an diesen Beobachtungen und Aufzeichnungen maßgeblich beteiligt. Die gemeinsame Veröffentlichung macht deutlich, dass die empirische Grundlage des Werkes aus einer langfristigen wissenschaftlichen Zusammenarbeit innerhalb der Familie hervorging. Gerade diese kontinuierliche Dokumentation unterscheidet die Untersuchung von punktuellen Tests oder einzelnen experimentellen Beobachtungen.
Wissenschaftlicher Kontext
Das Buch entstand in einer Zeit, in der sich die Erforschung der Kindheit und der kindlichen Entwicklung als eigenständiges wissenschaftliches Gebiet etablierte. Die Untersuchung der Kindersprache sollte Aufschluss darüber geben, wie sprachliche Fähigkeiten entstehen und wie sie mit Denken, Wahrnehmung und sozialer Entwicklung zusammenhängen.
Aus heutiger Sicht sind nicht alle Begriffe und theoretischen Annahmen des Werkes unverändert übernommen worden. Auch die Untersuchung weniger Kinder aus einer einzelnen Familie entspricht nicht den Anforderungen moderner repräsentativer Studien. Für die Geschichte der Entwicklungspsychologie und der Spracherwerbsforschung besitzt das umfangreiche Beobachtungsmaterial jedoch weiterhin dokumentarische Bedeutung.
Insbesondere die genaue Beschreibung früher Wörter, Satzformen und kindlicher Wortbildungen ermöglicht einen Einblick in die Anfänge systematischer Spracherwerbsforschung. Viele Fragestellungen des Buches – etwa die Rolle von Nachahmung und Eigenaktivität, die Entwicklung des Wortschatzes oder der Übergang vom einzelnen Wort zum komplexen Satz – gehören weiterhin zu den zentralen Themen der Forschung zum kindlichen Spracherwerb.
Bibliografische Angaben
- Autorinnen und Autoren: Clara Stern, William Stern
- Titel: Die Kindersprache. Eine psychologische und sprachtheoretische Untersuchung
- Ausgabe: Nachdruck der Ausgabe von 1928
- Verlag: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
- Erscheinungsjahr: 1987
- Umfang: XII, 436 Seiten
- ISBN: 3-534-07203-0

